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Scharfschützen: Ungesehen bleiben bis zum Sch(l)uss

Dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben, findet sich in der Scharfschützenvorausbildung immer wieder. Und die entsprechend schweißtreibenden Hürden, welche die angehenden Scharfschützen zu nehmen haben, können sich sehen lassen. Zuerst durchlaufen die Anwärter des Panzergrenadierlehrbataillons 92 aus den Dienstgradgruppen der Mannschaften und Unteroffiziere mit Portepee eine sogenannte Sichtung, bei der sie ihre körperliche Fitness und viele andere Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen. Hierbei können die Ausbilder sehen, mit wem sie es zu tun haben und welches Potenzial die Kandidaten mitbringen.

Gleichwohl haben aber auch die Bewerber die Möglichkeit, für sich zu bewerten, ob die Ausbildung und dann auch die Tätigkeit als Scharfschütze wirklich etwas für sie ist. Wer sich hier bewährt hat, kommt in die engere Auswahl und damit in die Vorausbildung. Hier trennt sich erstmals die Spreu vom Weizen. Die Anwärter müssen Ausbildungsinhalte erlernen und sich mit Optiken, Optroniken und den Waffen der Scharfschützen vertraut machen. Zudem lernen die Teilnehmenden, mit dem Gelände gleichsam zu verschmelzen. Denn auf eines kommt es neben guter Schießtechnik und dem Beherrschen von Waffen und Gerät vor allem an: die richtige Bewegung und die geschickte Annäherung an das Zielobjekt, um möglichst unerkannt zum Schuss zu kommen und so am Ende den Auftrag zu erfüllen.

Die Annäherung – höchste Konzentration ist erforderlich

Selbst kleinste Bewegungen, kurze Lichtreflexionen oder minimale Veränderungen in der Umgebung können auf dem Gefechtsfeld darauf hinweisen, dass ein Scharfschütze sich der eigenen Position nähert. Nur wer weiß, worauf er hier achten muss, ist später auch in der Lage, selbst als Scharfschütze erfolgreich zum Schuss zu kommen. Von daher ist die Annäherung einer der zentralen Ausbildungsinhalte der Scharfschützenausbildung.

In der Vorausbildung erlernen und vertiefen die Scharfschützenanwärter daher ihre Fähig- und Fertigkeiten, sich dem Ziel – hier ihren Ausbildern – möglichst unentdeckt anzunähern. Ihre Ausbilder wiederum überwachen und beurteilen das jeweilige taktische Verhalten ihrer Schützlinge. Passt die Tarnung? Ist der gewählte Anschlag der Waffe stabil und zweckmäßig? Ist die Flugbahn des Geschosses frei und stimmt die ermittelte Entfernung zum Ziel? Und nicht zuletzt: Ist ein unentdecktes Ausweichen unter Beobachtung nach dem Schuss möglich?

Das Dreigespann: Ausbilder, Läufer, Schütze

Nicht alles jedoch können die Ausbilder aus ihrer Beobachterposition sehen und beurteilen. Um sowohl den Anschlag als auch das taktische Verhalten des Schützen einzuschätzen, steht den Ausbildern daher ein Hilfsausbilder zur Seite, der sogenannte Läufer. Der begleitet den jeweiligen Anwärter in geringem Abstand und beurteilt dessen Verhalten aus der Nähe. Nach der Phase der Annäherung erfolgt die Schussabgabe. Im weiteren Verlauf wird der Läufer durch die Ausbilder unter Zuhilfenahme eines farblich markanten Pfeils zu der Position geführt, welche die Ausbilder erkannt haben und die Stellung des Anwärters vermuten. Hierdurch wird der Schuss des Gegners und damit die Trefferstelle simuliert. Wie nahe er dem Anwärter am Ende dann gekommen ist, teilt der Läufer den Ausbildern über Funk mit.

Man kann als Begleiter in diesem Moment mit dem jeweiligen Anwärter förmlich mitfiebern, wenn er mitbekommt, dass der Ausbilder den Läufer nicht nahe genug an ihn heranführen kann. Ein leise gezischtes „Yesssss!“ erlaubt sich da so mancher Anwärter stolz. Umso größer ist dann jedoch die Enttäuschung im Blick des Anwärters, wenn der Ausbilder seine Stellung am Ende doch erkannt hat. Da es noch die Vorausbildung ist, sind Fehler nicht auszuschließen. Wichtig ist, dass die Anwärter daraus lernen und ihren Ansporn finden, sich immer weiter zu verbessern. Denn im Ernstfall, nach der Ausbildung, sind die Scharfschützen auf sich allein gestellt und müssen in jeder Lage bestehen.

Mit Recht stolz sein können auf die eigene Leistung

Schaut man in die Reihen der Regimenter und Kompanien zum Beispiel der Preußenzeit, so finden sich hier bereits erste Elemente dessen, was heute die Scharfschützen ausmacht. Doch während es damals vor allem darum ging, mit den Waffen der Zeit vergleichsweise offen stehend auf gut 100 bis 200 Meter ein Ziel anzuvisieren und zu treffen und damit bereits eine Präzisionsarbeit zu verrichten, sind die Voraussetzungen in der heutigen Zeit um ein Vielfaches höher.

Die Anwärter für einen Scharfschützenlehrgang müssen bei einem Eingangstest einen 7.000-Meter-Gepäcklauf mit einem 20 Kilogramm schweren Rucksack in unter 52 Minuten absolvieren und zudem eine umfangreiche Sport- und Schießausbildung durchlaufen. Daneben ist immer wieder der Gefechtsdienst ein Thema: Entfernungsermittlung, zielgerichtetes Beobachten, Annäherung sowie taktisch richtiges und zweckmäßiges Verhalten. Im Vergleich zur Preußenzeit sind heutzutage die Scharfschützen in der Lage, mit Präzisionsschüssen ein Ziel in bis zu 1.800 Meter Entfernung zu treffen. Wer sich hier nicht mit Ballistik und Witterungseinflüssen auskennt oder mit mangelhafter Schießtechnik antritt, ist zum Scheitern verurteilt.

Es gibt daher viele gute Gründe, die Ausbildung angehender Scharfschützen vor ihrem Lehrgang bereits auf ein ausgesprochen hohes Level mit entsprechend hohen physischen und psychischen Anforderungen zu heben. Am Ende allerdings haben sich die Mühen gelohnt und die Soldaten können mit Recht stolz auf ihre erbrachten Leistungen sein, wenn der Scharfschützentrupp fertig ausgebildet als „kleine Kampfgemeinschaft“ seinen Auftrag bis zum Sch(l)uss erfüllen kann.

Tarnung entscheidet im Ernstfall.